Archiv der Kategorie: Kurzgeschichtliches

Botschaft von Kejuani

Diese kleine Geschichte ist inspiriert von den Beiträgen Märchenwald vom Blog Klapperhorn und Potpourri vom Blog Spontanvernunft. Und natürlich auch von Greta Thunberg. Und last but not least sei meine Frau genannt. Müsste ich eigentlich eh so gut wie immer. ;)

Es war an einem sonnigen Sommerabend als ich mittem im Wald diese knorrige, kleine Holzbank entdeckte. Sie stand so einladend da, von der langsam untergehenden Sonne in ein zauberhaftes, güldenes Licht getaucht.

Zwar wunderte ich mich ein wenig, dass ich diese Bank auf keinem meiner bisherigen Spaziergänge entdeckt hatte, aber der Wald hier war durchzogen von einem Geflecht aus kleinen Wegchen. Ich musste bisher immer anders abgebogen sein.

Da ich nichts gegen eine kurze Rast einzuwenden hatte, ließ ich mich auf dem Bänchen nieder. Sogleich spürte ich eine wundersame Wirkung. Als würde eine unsichtbare Last von mir abfallen, trat ein Gefühl unglaublicher Entspannung ein. Ob es einfach an der Schönheit des Moments lag; an der mystischen Stimmung des Ortes; an den wohltunden Strahlen der Abendsonne? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall erfüllte mich eine innere Ruhe und ich merkte, wie ich unweigerlich in einen Dämmerzustand rutschte, der in einen ruhigen Schlaf überging.

Allerdings kann der Schlaf nicht lang gewesen sein, denn als ich wieder erwachte, hatte sich am Stand der Sonne nur wenig geändert und noch immer war die Bank von flirrender, goldner Luft umhüllt. Ich blinzelte und hielt nach dem hellen Stimmchen Ausschau, das mich geweckt hatte.

Wichtel im Gras.

Von irgendwoher rief es:

„Du, hey du!“
Doch ich konnte niemand entdecken.
„Hier unten! Helf mir mal hoch.“
Verdutzt blickte ich auf den Boden und entdeckte schließlich die winzige Person neben einem Ahornsamen. Kaum größer als ein Grashalm stand sie da und winkte mir zu.
Ich streckte meine rechte Hand zu ihr aus, sodass sie bequem auf meine Handfläche steigen konnte.
„Stell mich auf deine Schulter, dann bin ich näher an deinem Ohr und muss nicht so schreien!“
Es war kein Befehl, den sie vortrug. Es war eine bestimmte Bitte einer selbstvertrauten, in sich ruhenden Persönlichkeit, die man nur schwer ausschlagen konnte. Ich wollte es aber auch gar nicht. Viel zu gespannt war ich darauf, zu erfahren, was sie mir zu sagen hatte. Zu sehr hatte mich ihr Wesen sofort in ihren Bann gezogen. Also formte ich meine Hand vorsichtig zu einer Schüssel und ihre feinen Finger kitzelten sacht, als sie sich an meinen Daumen klammerte.
„So sollte es gehen. Kannst loslegen.“
Ich traute mich kaum zu reden, da ich mir vorstellte, wie empfindlich so kleine Öhrchen sein mussten. Daher flüsterte ich nur ein zaghaftes „Ok“ und hob sie langsam auf meine linke Schulter.
„Du bist wohl eher einer von der ruhigen Sorte, hm?“
„Ich bin nur sehr…“, setzte ich an, doch sie blabberte unbeindruckt weiter:
„Das macht auch gar nichts, denn im Grunde musst du nur gut zuhören können. Traust du dir das zu, ja? Ja? Bei euch Menschen weiß man ja nie so recht, wie es mit dem Zuhören bestellt ist.“
Ich nickte ihr zu und schon setzte sie zur nächsten Redeattacke an:
„Gut, also wollen wir mal. Da wir uns ja gerade quasi die Hand geben: Hallo, ich bin Kejuani, Botschafterin des Volks der Katosch.“
Meine Hand war nun an der Schulter angekommen und Kejuani stieg ab. Ich musterte sie nun etwas genauer. Im Grunde sah sie aus wie ein Mensch, nur unglaublich klein.
„Ich bin Max.“, sagte ich flüsternd und sie lächelte:
„Aus dem Schoß der Kolschose?“
„Was?“
„Ach egal, das ist aus einem Lied. Ich dachte, ich zeig mal meine Kentnisse in Menschenkunde.“
„Ach daaas. Ja, das ist ja uralt.“
„Wie unsere Schulbücher. Aber mein Deutsch ist OK, oder? Verstehst du mich?“
„Dein Deutsch ist einwandfrei!“
„Danke. Ich hatte eine gute Lehrerin. Sie hatte immer so lustige Ideen. Hach. Egal. Jetzt aber mal zum Wesentlichen. Wir müssen reden.“
„Wir?“
„Ja, wir. Menschen und Katosch. Du und ich. Wir haben nämlich ein Problem.“
„Ja?“
„Ein großes Problem. Wir haben unzählige Forscher darauf angesetzt, wir haben es gedreht und gewendet. Wir haben alles versucht aber…“
Sie stockte verlegen.
„Aber was?“
„Ihr seid das Problem.“
„Wer, wir?“
„Ja ihr, ihr Menschen. Also nicht ihr direkt. Aber euer Handeln in den letzten Jarhunderten. Ihr wisst es doch eigentlich selbst. Aber ihr macht nichts dagegen.“
Ich schaute sie fragend an, was auf so kurze Distanz und mit verdrehtem Kopf ganz schön schwierig war.
„Na den Klimawandel; all diese Umweltzerstörung. Wir dachten zuerst, wir würden uns verrechnen. Oder hätten was übersehen. Aber alle unsere Daten kamen zu dem einen Schluss. Und du musst wissen, wir haben sehr gute und gewissenhafte Forscher. Es ist einfach nicht abzustreiten: Ihr Menschen habt großen Einfluss auf den Klimawandel. Nur wollt ihr es nicht wahrhaben.“
„Na ja, doch. Zumindest die meisten Menschen wissen das, glaube ich, schon. Aber es ist nicht so einfach, weißt du…?“
„Nein, einfach ist es gewiss nicht. Das wissen wir auch. Aber ihr Menschen, ihr seid doch erfinderisch. Lasst euch was einfallen, bitte!“
„Ich verstehe dich, aber ich glaube, ich bin der falsche Ansprechpartner dafür, was kann ich schon tun, als einfacher Mensch?“
Kejuani setzt sich hin und seufzte.
„Das höre ich oft. Du bist ja nicht der erste Mensch, mit dem ich rede. Und ja, wir haben uns das anfangs auch gedacht. Wir sind so klein. Kaum ein Mensch wusste bisher überhaupt von uns. Was sollen wir schon ausrichten? Aber wir haben uns gesagt: Irgendwo muss man halt anfangen. Deshalb gibt es jetzt auf der ganzen Welt Botschafterinnen und Botschafter wie mich. Das ist unsere Hoffnung.“
Ich blickte nachdenklich zum Boden.
„Im Grunde ist es ja nicht schwer zu begreifen. Wenn ihr so weitermacht, dann werdet ihr irgendwann keine Existenzgrundlage mehr haben und selbst ausgelöscht. Und uns betrifft das genau wie euch. Aber wenn wir uns gemeinsam dafür einsetzen, dann können wir es vielleicht noch schaffen und diese Welt retten.“
Noch immer schwieg ich. Ich wusste ihr einfach nichts entgegenzusetzen.
„Versprich mir einfach, dass du die Botschaft weiter in die Welt tragen wirst; dass du das tun wirst, was in deiner Macht steht. Wenn immer mehr Menschen die Botschaft verbreiten und leben, dann können irgendwann auch die Regierungen und Griskonzerne es nicht mehr ignorieren. Versprichst du es mir?“
„Ja.“, sagte ich leise.

Sie stand auf und kramte in ihrer Gürteltasche. Dann zog sie einen funkelnden, kleinen blauen Edelstein in der Form eines Wassertropfens heraus.
„Hier, ein Kristall aus einer unseren Werkstätten. Er ist eurer Welt vermutlich nicht viel wert. Aber vielleicht wird er dich an dein Versprechen erinnern.“
Vorsichtig nahm ich das winzige Geschenk an mich und bestaunte, wie es in der Sonne glitzerte. Dann schlug ich den Stein in ein Taschentuch und steckte ihn in meine Hosentasche.
„Danke!“
„Ich danke dir, du warst mir ein angenehmer Zuhörer und ich habe noch mehr Hoffnung durch unser Gespräch gefunden. Aber nun muss ich weiter.“
Ich streckte ihr wieder meine Hand hin, sie kletterte hinein und so brachte ich sie zurück zum Boden. Kaum hatte ich sie abgesetzt, merkte ich wieder Müdigkeit in mir aufsteigen. Ich flüsterte ihr noch ein Lebewohl zu, das sie winkend erwiderte, dann tauchte ich auch schon in die Tiefen des Schlafes.
Abermals war es nur ein kurzer Schlaf. Als ich aufwachte, war von Kejuani nichts mehr zusehen. Ich dachte mir, es war wohl doch nur ein Traum und schüttelte mich. Ich sammelte meine Gedanken und Kräfte, dann stand ich von der Bank auf.
Das Licht hatte sich inzwischen verändert. Nun wirkte die Bank gar nicht mehr so mystisch. Eine schöne, aber gewöhnliche Bank im Wald. Einer Stelle, wie es viele im Wald gibt. Ich musste mir das alles einfach eingebildet haben. Vermutlich hatte ich mir in der Abendsonne einen Sonnenstich eingefangen. Das musste es sein.

Während ich noch darüber nachdachte, glitt meine Hand in meine Hosentasche und fand ein gefaltetes, sauberes Taschentuch. Ich holte es heraus. Mein Herz schlug schneller. Ich faltete es vorsichtig auf. Da war er. Der kleine, blaue Stein.

© Hannes Hartl, 20.-25. Februar 2019

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Ereignisse

Seine Augen strahlten vor Vaterstolz, als Franz das Bündel in seinen Armen, in das seine frischgeborene Tochter eingewickelt war, betrachtete.
„Unglaublich, was für ein Zufall dazu geführt hat, dass es dich jetzt gibt. Wenn damals mein Bus nicht ausgefallen wäre, hätten deine Mutter und ich uns vielleicht niemals kennengelernt.“
Franz ging hinüber zu seiner erschöpft lächelnden Frau und strich ihr durchs Haar.
Sie antwortete:
„Es gibt keine Zufälle, Schatz.“
„Vielleicht nicht, wer weiß das schon. Aber Wunder gibt es. Schau sie dir an, dieses kleine Wunder!“

~

Stina legte zufrieden die Beine hoch, strich sich ein paar Holzspäne aus dem Gesicht und betrachtete ihr Tageswerk. Gerade als sie einen Schluck aus ihrer Teetasse nehmen wollte klingelte es an der Tür ihrer Werkstatt.
Sie stand auf und öffnete die Tür.
„Oh, hi, Ben. So spät noch unterwegs?“
Ben grinste verschmitzt.
„Ja, musste Überstunden im Büro machen und hab mir auf dem Heimweg gedacht, ich schau mal bei dir vorbei. Und da noch Licht brannte…“
„Ja, schön! Komm rein. Magst du auch nen Tee?“
Ben nickte und betrat die kleine, vollgestopfte Werkstatt.
„Mit Zucker, bitte.“
Stina verschwand in ihrem kleinen Kücheneck. Ben ging ehrfürchtig vor dem Tisch in die Knie, den Stina den ganzen Tag bearbeitet hatte.
„Mit den Beinen hast du dich mal wieder selbst übertroffen! Das kann vermutlich außer dir kaum noch jemand.“
„Danke. Ich bin echt froh über solche Aufträge. Ist mal was Anderes.“
Stina brachte Ben die Tasse und die Zuckerbox.
„Danke. Hach ja, Stinas gute, alte Teemischung namens Earl Grey“
Sie lachten. Während er sich eine ordentliche Portion Zucker in den Tee kippte fragte Ben:
„Und du hast die Entscheidung nie bereut?“
Stina zeigte im Raum herum.
„Das alles? Nein. Ja, es ist manchmal haarig mit dem Geld. Und ich bin manchmal total fertig. Aber stell dir nur mal vor, der Unfall wäre damals nie passiert. Ich würde vermutlich noch immer mit dem Bus durch die Gegend hetzen und mich von genervten Fahrgästen beschimpfen lassen. Das hier macht mich glücklich.“

~

Wieder eine Flasche leer. Mit bleischweren Lidern starrte Jost auf das Paket auf dem Tisch. Mit ungelenken Bewegungen versuchte er die leere Bierflasche nach dem Paket zu werfen. Statt das Paket zu treffen schlug die Flasche nur dumpf auf der hölzernen Tischplatte auf, rollte über die Kante und zerbarst am Boden.
„Mit dir hat alles angefangen.“, knurrte Jost in Richtung des Pakets.
Aus dem Nebenzimmer kam Andy, Josts Sohn, geeilt.
„Was machst du denn, Pa? Hast du dich verletzt?“
Andy schob Josts Rollstuhl vom Tisch weg.
„Nein. Und wenn schon. Was würde das noch ändern?“
Andy holte einen kleinen Besen und eine kleine Schaufel.
„Ja, Pa. Das haben wir jetzt ja schon oft genug besprochen. Hättest du das Paket am Abend vorher abgeholt, hättest du dich morgens nicht hetzen müssen und hättest den Bus nicht übersehen. Aber bedenke mal, dass du dann vielleicht nie erfahren hättest, dass Melina wieder in der Stadt ist. Sie hat dir übrigens eine Nachricht geschickt.“
In Josts müden Augen flammte der Hauch von Freude auf und ein gedankenvolles Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Was schreibt meine gute Melina?“
„Sie ist heute Oma geworden, eine Enkelin hat sie bekommen.“

Paket.

© Hannes Hartl, 20./21. November 2018

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Mondmilch

Wie Milch fließt der Regen im Mondschein über das Kopfsteinpflaster. Mit leerem Blick beobachtet Rick die unzähligen Tropfen. Sie fallen auf die Steine, prasseln davon ab, strömen in kleinen Rinnsalen in die Fugen und werden schließlich zu Miniaturseen aus Mondmilch.

Rick konzentriert sich komplett auf den Regen und für ein paar kostbare Momente herrscht so etwas wie Ruhe in seinem Kopf.
Das war doch mal seine Stärke gewesen. Volle Konzentration. Das Ding eiskalt durchziehen. Einen klaren Kopf behalten. Warum hatte er es dieses Mal nicht hinbekommen? Dieses eine verdammte Mal.

Rick schüttelt seinen Kopf, blickt in den Becher in seiner Hand und schwenkt den Inhalt vorsichtig hin und her. Ein Schluck bleibt ihm noch.
Normalerweise hatte er kein Problem mit seinem Job. Er konnte nicht sagen, dass er liebte, was er tat. Aber wer konnte das schon. Er tat eben, was er gut konnte. Doch dieses Mal hatte er versagt.

Ihr Gesicht erscheint wieder und wieder vor seinem inneren Auge. Ihr trauriger Blick als sie sagte:
„Ich weiß, dass Tom dich geschickt hat. Ich weiß, dass du nichts dafür kannst, Rick. Lass es uns hinter uns bringen.“
Doch er konnte es nicht tun. Er hatte die Pistole sinken lassen. Sie war ihm um den Hals gefallen und flüsterte:
„Tu das nicht, Rick. Nicht für mich. Du weißt, was das bedeutet.“
Er wusste es. Er kannte die Regeln. Das Gesetz aus Blut und Blei. Er genoß für einen Augenblick noch ihre Wärme, ihren Duft, ihre weichen Finger auf seinem Arm. Dann schob er sie von sich. Nicht grob, aber bestimmt.

Sie blickten sich in die Augen, doch er konnte ihren Blick nicht lange erwidern. Sonst hätte er sich wieder darin verloren. Wie er sich damals schon darin verloren hatte, als sie in seine Klasse gekommen war. Wie er sich immer wieder darin verloren hatte, bis sie sich aus den Augen verloren hatten.
„Geh jetzt, Mia.“, stieß er hervor.
Sie zögerte noch. Blickte suchend umher. Rang mit den Worten. Doch es gab nichts mehr zu sagen außer:
„Danke, Rick.“

Als sie in den Regen hinauslief, sah er ihr noch ein Weile hinterher. Warum musstest du dich damals für Tom entscheiden, Mia? Ausgerechnet Tom, diesen Wichser. Und warum in aller Welt hatte Rick diesen Auftrag angenommen? Er hätte sie schon auf dem Foto erkennen müssen. Aber sie hatte sich sehr verändert seit damals. Und sie war getarnt. Tom muss gewusst haben, dass er sie nicht töten könnte. Dieser Bastard. Wollte er ihn auf die Probe stellen?

Er steckte die Waffe in seine Jacke. Dann trat auch er in den Regen und fing an zu gehen. Wohin, das wusste er nicht. Er ließ seine Füße entscheiden. Einfach nur weg. Weit weg. Auch, wenn er wusste, dass es nichts bringen würde, sein Überlebenstrieb klammerte sich an diesen letzten Strohhalm. Weg, Rick. Geh einfach weg.

Irgendwann war er mit völlig durchnässter Kleidung in einem Banhofs-Café gelandet. Er hatte keine Ahnung, wie spät es war. Ihm war kalt. Er brauchte etwas, um sich zu wärmen und bestellte einen Kaffee.

Er blickt wieder in seinen Pappbecher, seufzt und trinkt den letzten Schluck aus. Dann geht er hinaus.

Es ist seltsam still draußen. Kein Auto, kein Mensch, kein Leben. Nur der Regen und das Kopfsteinpflaster und nun Ricks Schritte. Nach einigen Metern hört er eine bekannte Stimme hinter sich:
„Richard! Richard Stern!“
Niemand nennt ihn Richard. Niemand nennt ihn so, nichtmal seine Eltern. Nur einer nennt ihn Richard.
„Das war ein Fehler, Richard!“
Rick müsste sich eigentlich geschmeichelt fühlen. Tom kümmert sich selbst um die Sache. Doch Rick ist es egal. Er geht weiter ohne sich umzudrehen, ohne zu zögern. Er spürt kaum den Einschlag in seinem Rücken. Auch nicht den zweiten oder den dritten. Er hört nicht die Schüsse. Er konzentriert sich auf den Regen und geht weiter. Er konzentriert sich auf die unzähligen Tropfen. Sie fallen auf die Steine, prasseln davon ab, strömen in kleinen Rinnsalen in die Fugen und werden schließlich zu Miniaturseen aus Mondmilch. Mondmilch, die sich rosa färbt, als Rick aufs Pflaster niedersinkt.

Pfütze auf Kopfsteinpflaster.

© Hannes Hartl, 25. Juli 2018

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Die Burg im Dschungel #010

Pete sank erschöpft zu Boden, wo er sich von Seil und Gurtzeug befreite.
„Ein Glück, dass es heute so warm ist. Da wirst du schnell trocknen.“, sagte Caroll.
Pete seufzte:
„Das wird meiner Kamera auch nicht helfen.“
„Ach Schatz, das ist doch jetzt zweitrangig. Wichtig ist, dass wir noch leben. Und meine gesamte Ausrüstung liegt ebenfalls noch auf der anderen Seite.“
Pete nickte müde, schlug dann aber vor:
„Wir müssen mit besserer Ausrüstung wiederkommen und schauen, was wir davon retten können.“
Caroll reichte ihm die Hand.
„Ja, das werden wir tun. Aber jetzt lass uns erstmal heil nach Hause kommen.“

So packten sie das zusammen, was ihnen geblieben war und machten sich auf dem Heimweg.
Während sie Richtung Ausgang gingen, fragte Pete:
„Woher kam wohl plötzlich das Wasser?“
Caroll schwieg nachdenkend für ein paar Schritte. Dann rief sie:
„Oh nein, das… ich glaub, ich weiß es. Oh Mist, ist das blöd!“
„Was denn?“
Caroll fasste sich an die Stirn.
„Es war meine Schuld.“
„Hä? Wie meinst du das?“
„Ich musste doch den Haken befestigen, ja?“
„Ja. Und dann?“
„Naja, da war eine Metallstange, die mir gut geeignet schien. Doch das war vermutlich ein eingerosteter Hebel, der sich dann plötzlich gelockert hat.“
Jetzt begriff Pete, auf was sie hinaus wollte und fasste sich ebenfalls an die Stirn.
„OK, Mama. Das konnte keiner wissen, dass dadurch der Mechanismus ausgelöst wird. Und dass er überhaupt noch funktioniert…“
Sie gingen schweigend weiter. Jeder musste diese neue Erkenntnis erst einmal verarbeiten.
Ein paar weitere Schritte später brach Caroll das Schweigen:
„Aber weißt du, was mich am meisten beschäftigt?“
„Der Falke?“
„Ja. Woher kam er plötzlich?“
In diesem Moment traten sie durch das das Haupttor und blickten auf die beiden Sockel. Auf dem einen Sockel prangte noch immer ein steinerner Falke. Doch der zweite Sockel war leer.
Stumm und fassungslos starrten sie auf den nackten Steinblock. Dann bückte sich Pete und hob eine Feder vom Boden auf. Sie war aus Stein.
„Das glaubt uns kein Mensch!“

Steinerne Feder.

ENDE

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Etwas Wärme

Wenn der Regen
Das Feuer löschte
Kann noch Glut
Unter der Asche
Sein

Und das vorsichtige
Wehen
Schlägt dann
Ein, zwei Funken
Frei

Doch sie fallen
In die Nässe
Glühen kurz auf
Bevor sie
Gehen

Trotzdem bleibt
In unseren Seelen
Etwas Wärme
Doch
Bestehen

Feuerstelle mit erloschenem Feuer.

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Die Burg im Dschungel #009

Mit verzweifelter Kraft kämpfte er sich wieder nach oben. Doch das Wasser holte in schnell ein. Offenbar konnte durch den Abfluss deutlicher weniger Wasser abfließen, als derzeit in den Graben hineinströmte. Bald schwappten kleine Wellen an seine Knöchel und seine Füße fingen an zu rutschen. Schon war der Kampf verloren und er platschte ins Wasser. Die Strömung zerrte ihn sofort ans Ende des Grabens. Dort entstand ein Sog, weil die Wassermassen versuchten, durch die kleine Öffnung am Boden des Grabens weiterzufließen. Nur mit Not konnte er sich über Wasser halten. Panik breitete sich in ihm aus. Verzweifelt rief er nach seiner Mutter. Diese versuchte ebenso verzweifelt und erfolglos ihn am Seil zurück zu ziehen.

Als Petes Hoffnung schon am Schwinden war, wurde er plötzlich an den Schultern gepackt und nach oben gezogen. Bevor er verstand, was geschehen war, wurde er sanft auf dem Boden abgelegt. Jetzt befand er sich wieder auf der anderen Seite, war aber in Sicherheit. Er blickte auf und sah, wie ein riesiger Falke mit steinfrauem Gefieder sich über ihm in die Höhe schwang. Verdutzt sah Pete ihm hinterher, wie er eine Schleife flog und schließlich auf Caroll zusteuerte. Diese erschrak und wollte sich wehren. Aber der Falke blieb unbeindruckt und packte auch sie an den Schultern. Kurz darauf waren Caroll und Pete wieder vereint.

Sie staunten dem Falken hinterher, der noch kurz über ihnen kreiste, wie zum Gruß mit dem Kopf nickte und schließlich aus ihrem Blickfeld verschwand.

Falke im Flug.

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Die Burg im Dschungel #008

Meter für Meter stieg die Bewunderung für seine Mutter. Offensichtlich war sie noch immer in bester Form. Ihm hätte wohl ein wenig mehr Training nicht geschadet. Doch gleich war es ja geschafft. Er musste nur noch einen Schritt nach oben, dann hatte er die Kante erreicht.
Mit einem Mal sackte Pete nach unten. Das Seil gab plötzlich nach. Pete sah sich schon am Boden aufschlagen, doch kurz vor dem Boden einem straffte sich das Seil wieder und die Seilbremsen in Petes Klettergurt verhinderten den Aufprall.

Pete stürzt ab.

„Alles klar bei dir, Pete?“, rief ihm seine Mutter von oben zu.
„Erstmal schon, aber was ist mit dem Haken?“
„Warte, ich schau nach.“ antwortete sie und verschwand aus Petes Sichtfeld.
Pete nutzte die Wartezeit, um ein wenig durchzuatmen.
Lange konnte er sich allerdings nicht entspannen. Zunächst war es nur ein fernes Gurgeln, das er nicht weiter beachtete. Doch schon bald schwoll es zu einem bedrohlichen Donnern und Rauschen an. Dann schossen die Wassermassen auch schon aus dem Mund des Götzen. Schnell füllte sich der Graben.
Panisch fing Pete wieder an zu klettern.

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Die Burg im Dschungel #007

Nachdem Pete seinen Rucksack in Graben hinab gelassen und den Haken wieder sicher auf seiner Seite verankert hatte, begann er mit dem Abstieg.
Doch sobald er unten angekommen war, wurde es knifflig. Er musste den Haken nun gelöst bekommen. Er spannte also das Seil mit all seiner Kraft, um es dann rugartig zu lockern. Pete fluchte laut darüber, dass sie nur ein Seil mitgenommen hatten. Ihm graute schon davor, die ganze Prozedur auf dem Rückweg erneut ausführen zu müssen. Doch nach einigen schweißtreibenden Versuchen gelang es ihm.
Nun musste das Seil samt Haken also wieder auf der anderen Seite hinauf. Das war aber kein so großes Problem. Nachdem er den Haken mit einem kräftigen Schwung über die Kante befördert hatte, musste ihn Caroll nur noch aufnehmen und sicher befestigen.

Schon nach kurzer Zeit hatte sie eine geeignete Stelle gefunden. Pete rieb sich den Schweiß von den Händen und tauchte sie in den Magnesiabeutel, der zu seiner Kletterausrüstung gehörte. Dann ging es los. Auch Pete wagte den Aufstieg.

Pete schwitzt.

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Die Burg im Dschungel #006

So machten sie sich also ans Werk. Pete befestigte das Seil mit dem Haken in einer geeigneten Vertiefung. Dann ließ er das andere Seilende in den Graben hinab.
Caroll legte derweil ihren Klettergurt an. Nachdem auch Pete seinen Klettergurt angelegt hatte, hängte Caroll sich ein und seilte sich dann vorsichtig ab. Pete beobachtete den Vorgang, immer noch skeptisch, von oben.
Unten angekommen hängte Caroll das Seil aus ihrem Gurt und Pete zog es wieder hoch. Nun knotete Pete Carolls Rucksack ans Seil und ließ in zu seiner Mutter hinab.
Anschließend zog er das Seil wieder zu sich hoch und versuchte sich daran, den Haken sicher auf die andere Seite zu werfen. Damit das Seil ihm nicht aus Versehen beim Werfen aus der Hand rutschte, knotete er es an seinem Gurt fest.
Nach einigen Versuchen gelang es ihm schließlich, eine geeignete Stelle zu treffen. Der Haken blieb an einer Ecke des Torbogens hängen und bohrte sich etwas in den Sandstein. Pete prüfte mit kräftigen Rucken den Sitz des Hakens. Als er zufrieden war, lockerte er den Knoten an seinem Gurt und ließ das Seil wieder zu seiner Mutter hinab.
Sie hängte das Seil abermals in ihren Gurt ein, knotete das untere Seilende an ihren Rucksack und begann den Aufstieg. Die Beine fest gegen die Grabenwand gepresst zog sie sich allmählich empor.
Auch wenn es bei ihr fast leicht aussah, wie sie die Wand hinaufstieg, jubelte sie erleichtert, als sie oben angelangt war.
Auch Pete wischte sich erleichter über die Stirn: „Da zahlt es sich aus, dass ich dich für’s Klettern begeistern konnte!“
Caroll lachte: „Ich geh ja auch jede Woche, im Gegensatz zu einem gewissen Herrn. Mal schaun, wie der sich schlägt.“
Nachdem sie ihren Rucksack zu sich hochgezogen hatte, nahm sie den Haken und schleuderte ihn zurück auf Petes Seite.

Frau klettert in einem Burggraben.

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Die Burg im Dschungel #005

Nachdem die Beiden den eng ummauerten Burggraben ausgiebig begutachtet und fotografiert hatten, widmeten sie sich der entscheidenden Frage: Wie sollten sie auf die andere Seite gelangen? Die Überreste der Zugbrücke, die einst den Burgbewohnern Zutritt ermöglicht hatte, lagen morsch im Graben. Die eiserenen Ketten, mit denen man die Brücke hoch und runter gelassen hatte, hingen rostend aus den dazugehörigen Öffnungen in der Burgmauer.

„Wir könnten einen Baum aus dem Wald holen und über den Graben legen.“, schlug Pete vor. Doch Caroll schüttelte den Kopf.
„Zu zweit und ohne Kettensäge brauchen wir ewig, den passenden Baum zu finden und her zu schleppen. Wenn wir das überhaupt zu zweit schaffen würden. Ich schlage vor, wir versuchen es stattdessen mit dem Enterhaken. Hier runter dort rauf.“
Pete mussterte skeptisch die Streinkante des Grabens.
„Runter könnte es klappen, weil wir da die Kontrolle haben und den Haken sicher befestigen können. Aber hoch? Da stecken wir, wenn es dumm kommt, richtig in der Falle. Und wir müssen den Haken erstmal wieder hoch bekommen.“

Caroll grübelte kurz und schlug dann vor:
„Lass es uns so machen: Zuerst gehe ich runter, dann schmeißt du den Haken von hier auf die andere Seite. Das dürfte einfacher gehen als von unten. Und du siehst ja dann, wo der Haken hängen bleibt. Dann kannst du besser einschätzen, wie stabil die Sache ist. Und dann tauschen wir. Na, was sagst du?“
Pete atmete einmal tief durch und antwortete:
„Ok. Na gut. Versuchen wir es.“

Enterhaken an einem Seil.

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