Monatsarchiv: Februar 2019

Botschaft von Kejuani

Diese kleine Geschichte ist inspiriert von den Beiträgen Märchenwald vom Blog Klapperhorn und Potpourri vom Blog Spontanvernunft. Und natürlich auch von Greta Thunberg. Und last but not least sei meine Frau genannt. Müsste ich eigentlich eh so gut wie immer. ;)

Es war an einem sonnigen Sommerabend als ich mittem im Wald diese knorrige, kleine Holzbank entdeckte. Sie stand so einladend da, von der langsam untergehenden Sonne in ein zauberhaftes, güldenes Licht getaucht.

Zwar wunderte ich mich ein wenig, dass ich diese Bank auf keinem meiner bisherigen Spaziergänge entdeckt hatte, aber der Wald hier war durchzogen von einem Geflecht aus kleinen Wegchen. Ich musste bisher immer anders abgebogen sein.

Da ich nichts gegen eine kurze Rast einzuwenden hatte, ließ ich mich auf dem Bänchen nieder. Sogleich spürte ich eine wundersame Wirkung. Als würde eine unsichtbare Last von mir abfallen, trat ein Gefühl unglaublicher Entspannung ein. Ob es einfach an der Schönheit des Moments lag; an der mystischen Stimmung des Ortes; an den wohltunden Strahlen der Abendsonne? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall erfüllte mich eine innere Ruhe und ich merkte, wie ich unweigerlich in einen Dämmerzustand rutschte, der in einen ruhigen Schlaf überging.

Allerdings kann der Schlaf nicht lang gewesen sein, denn als ich wieder erwachte, hatte sich am Stand der Sonne nur wenig geändert und noch immer war die Bank von flirrender, goldner Luft umhüllt. Ich blinzelte und hielt nach dem hellen Stimmchen Ausschau, das mich geweckt hatte.

Wichtel im Gras.

Von irgendwoher rief es:

„Du, hey du!“
Doch ich konnte niemand entdecken.
„Hier unten! Helf mir mal hoch.“
Verdutzt blickte ich auf den Boden und entdeckte schließlich die winzige Person neben einem Ahornsamen. Kaum größer als ein Grashalm stand sie da und winkte mir zu.
Ich streckte meine rechte Hand zu ihr aus, sodass sie bequem auf meine Handfläche steigen konnte.
„Stell mich auf deine Schulter, dann bin ich näher an deinem Ohr und muss nicht so schreien!“
Es war kein Befehl, den sie vortrug. Es war eine bestimmte Bitte einer selbstvertrauten, in sich ruhenden Persönlichkeit, die man nur schwer ausschlagen konnte. Ich wollte es aber auch gar nicht. Viel zu gespannt war ich darauf, zu erfahren, was sie mir zu sagen hatte. Zu sehr hatte mich ihr Wesen sofort in ihren Bann gezogen. Also formte ich meine Hand vorsichtig zu einer Schüssel und ihre feinen Finger kitzelten sacht, als sie sich an meinen Daumen klammerte.
„So sollte es gehen. Kannst loslegen.“
Ich traute mich kaum zu reden, da ich mir vorstellte, wie empfindlich so kleine Öhrchen sein mussten. Daher flüsterte ich nur ein zaghaftes „Ok“ und hob sie langsam auf meine linke Schulter.
„Du bist wohl eher einer von der ruhigen Sorte, hm?“
„Ich bin nur sehr…“, setzte ich an, doch sie blabberte unbeindruckt weiter:
„Das macht auch gar nichts, denn im Grunde musst du nur gut zuhören können. Traust du dir das zu, ja? Ja? Bei euch Menschen weiß man ja nie so recht, wie es mit dem Zuhören bestellt ist.“
Ich nickte ihr zu und schon setzte sie zur nächsten Redeattacke an:
„Gut, also wollen wir mal. Da wir uns ja gerade quasi die Hand geben: Hallo, ich bin Kejuani, Botschafterin des Volks der Katosch.“
Meine Hand war nun an der Schulter angekommen und Kejuani stieg ab. Ich musterte sie nun etwas genauer. Im Grunde sah sie aus wie ein Mensch, nur unglaublich klein.
„Ich bin Max.“, sagte ich flüsternd und sie lächelte:
„Aus dem Schoß der Kolschose?“
„Was?“
„Ach egal, das ist aus einem Lied. Ich dachte, ich zeig mal meine Kentnisse in Menschenkunde.“
„Ach daaas. Ja, das ist ja uralt.“
„Wie unsere Schulbücher. Aber mein Deutsch ist OK, oder? Verstehst du mich?“
„Dein Deutsch ist einwandfrei!“
„Danke. Ich hatte eine gute Lehrerin. Sie hatte immer so lustige Ideen. Hach. Egal. Jetzt aber mal zum Wesentlichen. Wir müssen reden.“
„Wir?“
„Ja, wir. Menschen und Katosch. Du und ich. Wir haben nämlich ein Problem.“
„Ja?“
„Ein großes Problem. Wir haben unzählige Forscher darauf angesetzt, wir haben es gedreht und gewendet. Wir haben alles versucht aber…“
Sie stockte verlegen.
„Aber was?“
„Ihr seid das Problem.“
„Wer, wir?“
„Ja ihr, ihr Menschen. Also nicht ihr direkt. Aber euer Handeln in den letzten Jarhunderten. Ihr wisst es doch eigentlich selbst. Aber ihr macht nichts dagegen.“
Ich schaute sie fragend an, was auf so kurze Distanz und mit verdrehtem Kopf ganz schön schwierig war.
„Na den Klimawandel; all diese Umweltzerstörung. Wir dachten zuerst, wir würden uns verrechnen. Oder hätten was übersehen. Aber alle unsere Daten kamen zu dem einen Schluss. Und du musst wissen, wir haben sehr gute und gewissenhafte Forscher. Es ist einfach nicht abzustreiten: Ihr Menschen habt großen Einfluss auf den Klimawandel. Nur wollt ihr es nicht wahrhaben.“
„Na ja, doch. Zumindest die meisten Menschen wissen das, glaube ich, schon. Aber es ist nicht so einfach, weißt du…?“
„Nein, einfach ist es gewiss nicht. Das wissen wir auch. Aber ihr Menschen, ihr seid doch erfinderisch. Lasst euch was einfallen, bitte!“
„Ich verstehe dich, aber ich glaube, ich bin der falsche Ansprechpartner dafür, was kann ich schon tun, als einfacher Mensch?“
Kejuani setzt sich hin und seufzte.
„Das höre ich oft. Du bist ja nicht der erste Mensch, mit dem ich rede. Und ja, wir haben uns das anfangs auch gedacht. Wir sind so klein. Kaum ein Mensch wusste bisher überhaupt von uns. Was sollen wir schon ausrichten? Aber wir haben uns gesagt: Irgendwo muss man halt anfangen. Deshalb gibt es jetzt auf der ganzen Welt Botschafterinnen und Botschafter wie mich. Das ist unsere Hoffnung.“
Ich blickte nachdenklich zum Boden.
„Im Grunde ist es ja nicht schwer zu begreifen. Wenn ihr so weitermacht, dann werdet ihr irgendwann keine Existenzgrundlage mehr haben und selbst ausgelöscht. Und uns betrifft das genau wie euch. Aber wenn wir uns gemeinsam dafür einsetzen, dann können wir es vielleicht noch schaffen und diese Welt retten.“
Noch immer schwieg ich. Ich wusste ihr einfach nichts entgegenzusetzen.
„Versprich mir einfach, dass du die Botschaft weiter in die Welt tragen wirst; dass du das tun wirst, was in deiner Macht steht. Wenn immer mehr Menschen die Botschaft verbreiten und leben, dann können irgendwann auch die Regierungen und Griskonzerne es nicht mehr ignorieren. Versprichst du es mir?“
„Ja.“, sagte ich leise.

Sie stand auf und kramte in ihrer Gürteltasche. Dann zog sie einen funkelnden, kleinen blauen Edelstein in der Form eines Wassertropfens heraus.
„Hier, ein Kristall aus einer unseren Werkstätten. Er ist eurer Welt vermutlich nicht viel wert. Aber vielleicht wird er dich an dein Versprechen erinnern.“
Vorsichtig nahm ich das winzige Geschenk an mich und bestaunte, wie es in der Sonne glitzerte. Dann schlug ich den Stein in ein Taschentuch und steckte ihn in meine Hosentasche.
„Danke!“
„Ich danke dir, du warst mir ein angenehmer Zuhörer und ich habe noch mehr Hoffnung durch unser Gespräch gefunden. Aber nun muss ich weiter.“
Ich streckte ihr wieder meine Hand hin, sie kletterte hinein und so brachte ich sie zurück zum Boden. Kaum hatte ich sie abgesetzt, merkte ich wieder Müdigkeit in mir aufsteigen. Ich flüsterte ihr noch ein Lebewohl zu, das sie winkend erwiderte, dann tauchte ich auch schon in die Tiefen des Schlafes.
Abermals war es nur ein kurzer Schlaf. Als ich aufwachte, war von Kejuani nichts mehr zusehen. Ich dachte mir, es war wohl doch nur ein Traum und schüttelte mich. Ich sammelte meine Gedanken und Kräfte, dann stand ich von der Bank auf.
Das Licht hatte sich inzwischen verändert. Nun wirkte die Bank gar nicht mehr so mystisch. Eine schöne, aber gewöhnliche Bank im Wald. Einer Stelle, wie es viele im Wald gibt. Ich musste mir das alles einfach eingebildet haben. Vermutlich hatte ich mir in der Abendsonne einen Sonnenstich eingefangen. Das musste es sein.

Während ich noch darüber nachdachte, glitt meine Hand in meine Hosentasche und fand ein gefaltetes, sauberes Taschentuch. Ich holte es heraus. Mein Herz schlug schneller. Ich faltete es vorsichtig auf. Da war er. Der kleine, blaue Stein.

© Hannes Hartl, 20.-25. Februar 2019

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Herzflimmern

Am 23.02.1945 wurde die Stadt Pforzheim von Streitkräften der Royal Air Force bombardiert. Über zwei Drittel der Gesamtfläche der Stadt wurde dabei zerstört. Die Zahl der Getöteten wird auf 17 600 geschätzt.

Quelle

Dieses Gedicht soll im Zeichen der Erinnerung stehen. Erinnerung daran, welche schrecklichen Taten durch Krieg begangen wurden und werden. Auf allen Seiten. Denn im Krieg gibt es keine Gewinner. Im Krieg gibt es nur Verlierer.

Liebe Stadt
Gestern
Sah ich dein
Herzflimmern
Deine Herzen
Flimmern
In der Nacht

Vom Hügel herab
Sah ich
Deine Lichter
Schlagen
Deine Straßen
Pulsieren
Deine Häuser
Atmen

Auch wenn dein
Gesicht
Noch immer entstellt
Ist
Durch die Narben
Des Kriegs
Nachts sieht man
Das Leben
In dir

Lichter am Bahnhof.

© Hannes Hartl, 19. Februar 2019

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Herzfüllung

Lass Wut nicht
Dein Herz füllen

Wut wird es
Nur vergiften

Fülle dein Herz
Mit Liebe

Damit es
Fröhlich und frei
Schlagen kann
Für dich
Und für andere

Herzförmiges Gefäß mit einer Füllung aus Flüssigkeit.© Hannes Hartl, 14. Februar 2019

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Knoten

Für einen lieben Kollegen

Das Leben ist
Manchmal doch
Sehr verwirrend
Und schnell
Verheddert sich was

Welch eine
Befreiung ist es da
Wenn sich doch
Ein paar Knoten
Lösen lassen

Seil mit einem Knoten.

© Hannes Hartl, 13. Februar 2019

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Wind und Sonne

Im Wind
Will ich fliegen
Mit dir
Um die Ecken
Wirbeln
Wie zwei Blätter
Im Wind

Im Wind
Will ich segeln
Mit dir
Sanft zum Boden
Schaukeln
Wir zwei Blätter
Im Wind

In der Sonne
Will ich liegen
Mit dir
In der Wärme
Räkeln
Wie zwei Katzen
In der Sonne

In der Sonne
Will ich erkunden
Mit dir
Durch das Leben
Streifen
Wie zwei Katzen
In der Sonne

Blätter im Wind.

© Hannes Hartl, 11. Februar 2019

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Stehen und warten

Seit ein paar Jahren verfolge ich American Football und das Spiel zieht mich immer mehr in den Bann. Dabei faszinieren mich nicht das pure Aufeinanderprallen von Muskelbergen oder das aufgespielte Gehabe mancher Spieler, sondern die strategischen Finessen hinter dem Getummel.

Sei es, wie es sei. Auf dem Weg zur Super-Bowl-Party schickte mir meine Frau eine kleine Vorlage, aus der folgender Text entstanden ist:

American Football hat viel mit einer winterlichen Heimfahrt im Bummelzug gemeinsam. Es besteht viel aus Stehen und Warten. Warten auf ein bestimmtes Signal. Vor einem dampft der Atem in der kalten Luft. Man ist froh über die schützende Kopfbedeckung. Die Anspannung steigt. Man darf die Linie nicht zu früh übertreten. Das würde böse bestraft. Dann geht’s los. Große Action für ein paar Meter. Dann wieder ein Stopp. Ein paar Leute raus; andere rein. Zug für Zug übers Feld.
Das Sagen hat der Mensch mit Pfeife und Mütze. Der schaut auch, dass alles mit rechten Dingen zugeht.
Man muss wissen, wo man hin will; sich Strategien zurechtlegen. Doch die großen Pläne wurden von Akteuren im Hintergrund ausgetüftelt. Die sagen an, wo es lang geht. Da kommt’s sehr auf’s Timing an; auf die richtige Abstimmung. Und wenn’s da hapert, dann wird man zum machtlosen Spielball, der nicht pünktlich am Ziel ankommt; der hart auf dem Boden der Tatsachen landet.
Dann muss man noch mehr stehen und warten.

American-Football-Spieler mit Ball.

Da gehen einem die motivierenden Worte der Liebsten durch den Kopf. Du erinnerst dich an die süßen Küsse, die stürmische Begrüßung, wenn man es geschafft hat. Das gibt neuen Mut. Jetzt bloß nicht aufgeben. Es sind doch nur noch wenige Meter bis zur Ziellinie. Ruhe bewahren; Kräfte sammeln. Lass dir was einfallen. Zur Not geht immer noch: Kopf runter und einfach laufen. Da hörst du dann nicht auf dein lädiertes Knie. Die paar Schritte muss es halten.
Und dann flutscht es plötzlich. Alles klappt. In deinem Kopf ein Freudenfeuerwerk. Mit einem Hechtsprung fliegst du über die magische Schwelle. Zeit für’s Konfetti.

© Hannes Hartl, 04. Februar 2019

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Schneespuren

Vor ein paar Tagen, als dieses Gedicht entstand, lag noch Schnee. ;)

Frische Spuren
In jungen Schnee
Geknirscht

Abdrücke
Die nur Lücken
Hinterlassen

Abdrücke
Die nur kurze Zeit
Sichtbar bleiben

Und dennoch
Spuren
Des Lebens

Schuhabdrücke im Schnee.

© Hannes Hartl, 28. Januar 2019

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Gemeinsam tanzen

Nach kleiner Krankheitspause melde ich mich zurück mit diesem Gedicht:

Lass uns tanzen
Gemeinsam
Und frei

Wir sind vielleicht
Nicht gut
Im Standard

Wir kennen vielleicht
Keine speziellen
Figuren

Aber wir zwei
Können tanzen
Gemeinsam frei

In unserem Rhythmus
Mit unseren Schritten
Gemeinsam frei

Manchmal bringen
Wir uns etwas
Aus dem Takt

Manchmal gerät
Etwas in
Unseren Weg

Aber wir zwei
Halten uns doch
Und lächeln darüber

Tanzendes Paar.

Denn wir zwei
Tanzen
Gemeinsam frei

Irgendwann mal
Werden unsere Beine
Müde und schwer

Irgendwann mal
Laufen die
Falschen Lieder

Dann tanzen wir
Von der Tanzfläche
In die Pause

Überhaupt brauchen wir
Gar keine Tanzfläche
Wir tanzen selbst
Beim Sitzkonzert
Gemeinsam frei

© Hannes Hartl, 25.-28. Januar 2019

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