Die programmierte Krise

Ein Blick auf Georg Simmels „Philosophie des Geldes“ durch die Brille einer westlichen Gegenwart.

Es bedarf keines Abschlusses in Wirtschaftswissenschaften, um zu verstehen, warum sich die Finanzwelt ein weiteres Mal in der Krise befindet. In welcher Weise die Krise schon in der Konzeption des Geldes eingeschrieben ist, zeigt sich in Simmels Geldtauschtheorie, welche 1900 zum ersten Mal erschien.

Der Ausgangspunkt ist bei Simmel die Trennung von Subjekt und Objekt. Weil wir fähig sind, uns selbst als Subjekt, vor allem aber auch zugleich als Objekt unseres Denkens zu begreifen, können wir auch in eine Beziehung zu den Gegenständen und anderen Menschen treten. So entwickeln wir auch die Fähigkeit, Distanz zu dem zu erfahren, was uns nicht eigen ist. Diese Distanz wollen wir allerdings, mal mehr – mal weniger, in einigen Fällen überwinden. Völlig einleuchtend ist dies in Bezug auf Nahrungsmittel. Das gebackene Brot tritt uns zunächst als Gegenstand gegenüber, den wir, aufgrund seiner Potenz, unseren Hunger stillen zu können, erlangen wollen. Wir nehmen den Gegenstand an uns und in uns auf; wir verleiben ihn uns ein. Dabei wird der Gegenstand natürlich als solcher vernichtet. Wie sehr wir die Distanz zu einem Gegenstand überwinden wollen zeigt, wie sehr wir ihn begehren. Davon abhängig ist auch der Wert, den wir dem Gegenstand zuschreiben. Denn durch eine größere Distanz, die zu überbrücken ist; durch das größere Opfer, das wir erbringen müssen, schreiben wir dem Gegenstand einen größeren Wert zu. Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass wir den Gegenstand begehren und er uns prinzipiell erreichbar ist. Der Wert eines Gegenstandes ist also für Simmel subjektiv erzeugt und somit auch relativ. Ein Gegenstand kann für verschiedene Menschen und in unterschiedlichen Situationen einen jeweils anderen Wert erhalten. Der Wert eines Gegenstandes ist in diesem Sinne auch nicht eine Eigenschaft, die der Gegenstand schon immer besitzt. Außerdem verliert der konkrete Gegenstand seinen Wert durch seine Vernichtung, auch wenn wir weiterhin der Existenz von Broten an sich einen Wert zuschreiben.
Es ist nun die Frage, wie der Wert mit dem Geld in Verbindung steht. Simmel beantwortet diese Frage, indem er zunächst vom einfachen Tausch ausgeht. Zwei Menschen kommen zusammen und bieten sich Waren zum Tausch an. Sie einigen sich im Idealfall dann, wenn für beide der Tausch einen Gewinn darstellt. Jeder gibt etwas und erhält dafür etwas, was ihm begehrenswerter erscheint, als das Hergegebene. Damit besteht eine gewisse Äquivalenz des Tausches. Raub oder Geschenk hingegen widersprechen der Logik des Tausches, da sie eine Einseitigkeit voraussetzen. Durch den Tausch stehen die Menschen aber in einer Beziehung der Wechselwirkung. Ebenso geschieht dies mit den Gütern beziehungsweise mit den ihnen jeweils zugeschriebenen Werten, welche durch das Tauschvorhaben miteinander verglichen werden. Das Geld tritt nun erst einmal als Drittes hinzu, das den Tausch in einer sich ausdifferenzierenden Gesellschaft erleichtert und am Leben erhält. Die Vorteile liegen klar auf der Hand. Geld ist beliebig teilbar und kann wie ein Kommunikationsmittel des Tausches fungieren. So ist es möglich, mit vielen verschieden Menschen in Tauschbeziehung zu stehen, ohne dass jedes Mal auf beiden Seiten Waren herangeschafft werden müssen. Zudem kann es als Maß für den Wert eines Gegenstandes in Relation zu den anderen Gegenständen eingesetzt werden. Anders gesagt, der Preis eines Gegenstandes drückt aus, welchen Wert wir ihm im System der Gegenstände zukommen lassen. Dabei spielen ohne Zweifel die Gesetzmäßigkeiten von Angebot und Nachfrage eine Rolle. Warum nun aber ein Brot, das für unser Überleben essenziell wichtig ist und daher im Grunde einen enorm hohen Wert für uns haben sollte, im Vergleich etwa zu einem Mobiltelefon einen sehr geringen Preis hat, kann erst nach einigen weiteren Überlegungen vollständig geklärt werden, schließlich können auch Mobiltelefone zu geringen Kosten und in hoher Stückzahl produziert werden und die Nachfrage ist beim Brot im Grunde höher, da der Verbrauch des Brotes viel schneller erfolgt, als beim Mobiltelefon.
Denn nun folgt der erste Knackpunkt in der Konzeption des Geldes. Dafür schwenkt Simmel kurz in die Geschichte der Zahlungsmittel. Anfangs konnte ein Gegenstand, welcher selbst als wertvoll galt, so wie Gold oder Muscheln, zum Zahlungsmittel werden, weil es von allen Marktteilnehmern als wertvoll anerkannt wurde. Denn in dem kollektiv erzeugten Wert, welchen die Trägersubstanz also mit sich führt, liegt die Versicherung, dass ich, wenn ich im Besitz dieser Substanz bin, immer dafür etwas bekommen kann. Nun ist jedoch eine Entwicklung ins Laufen gekommen. Das Problem mit dem sogenannten Substanzgeld ist ja, dass es an eine Substanz gebunden ist, welche selbst wertvoll ist. Wenn nun aber die Substanz zu wertvoll ist, läuft das Geldsystem Gefahr aus den Fugen zu geraten, denn man bekäme ja für die reine Substanz mehr, als für das Geld. Des Weiteren ist eine wertvolle Substanz ja auch nur begrenzt verfügbar und wird nicht nur für als Zahlungsmittel verwendet. Daher verlor das Geld mit der Zeit an Substanzwert. Beispielsweise ist Papier selbst weniger wertvoll als Silber oder Gold und somit auch Papiergeld leichter zu vervielfältigen. Dies ist in einer wachsenden Gesellschaft und Wirtschaft von großer Bedeutung.
Was sich mit diesem materiell sichtbaren Wandel allerdings mitvollzog, war ein bis heute fortschreitender Prozess: Das Geld wird vom Substanzgeld zum Funktionsgeld, was eine zunehmende Abstraktion bedeutet. Das heißt aber auch, dass sich etwas in der Konzeption des Geldes verschiebt. Einerseits verliert das Zahlungsmittel mit der Substanz auch seine spezifischen Eigenschaften. Es wird für Simmel charakterlos. Ein reines Mittel zum objektiven Vergleich der Werte. Es ist für die wirtschaftlichen Beziehungen egal, woher das Geld kommt, welche Ware eigentlich dahintersteht. Und auch auf die Gegenstände wirkt dies sich aus: Wenn der Preis eines Gegenstandes erst einmal bestimmt wurde, kommt es nicht mehr so sehr auf dessen Qualitäten an, sonder es geht um die Quantität. Welche Menge kann ich für welche Menge Geld bekommen? Andererseits gilt auch das Versprechen nicht mehr, welches in der Substanz innewohnte. Mit dem Plastik einer Kreditkarte lässt sich kaum etwas kaufen. Selbst das Metall des Chips würde nicht für große Anschaffungen genügen. Beim Onlinebanking wird es schon schwer, überhaupt noch etwas Materielles zu finden. Dies hat jedoch zur Folge, dass die Garantie, welche das Geldsystem überhaupt funktionieren lässt, dass ich für mein Geld etwas bekomme und das der Wert des Geldes möglichst stabil bleibt, von einer anderen Seite kommen muss. Bei Simmel und in der Realität kommt sie von denStaaten, genauer von den Nationalbanken, da die Staaten ein Interesse daran haben, dass das Finanzsystem funktioniert. Ansonsten verlieren sie ihre Handlungsfähigkeit. Für Simmel ist diese dem funktionalen Geldsystem eingeschriebene Selbsttäuschung bis zu einem gewissen Grad notwendig aber auch nur begrenzt möglich. Für ihn war eine völlige Funktionalisierung des Geldes; eine völlige Loslösung von einer Substanz undenkbar. Die Geldmenge darf nicht ins Unendliche gehen können. Wir haben es trotzdem gemacht. Die letzte Absicherung, die unserem Finanzsystem bleibt, ist das Vertrauen in die Währung. Was passiert, wenn dieses verloren geht, das zeigt sich aktuell in der andauernden Finanzkrise.
Warum haben wir das gemacht? Das findet seine Antwort in einem weiteren Punkt der Geldkonzeption. Das Geld ist nämlich nicht mehr nur Mittel zum Zweck, sondern wird auch selbst zum Zweck. Das liegt für Simmel größtenteils an der Entwicklung der Gesellschaft, welche immer vielteiliger wird. Dies erhöht die Reihe der Zwecke beziehungsweise der Mittel zum obersten Zweck. So muss ich aufgrund der arbeitsteiligen Gesellschaft nicht mehr selbst das Brot backen. Das macht es mir leichter, andere Aufgaben zu erfüllen. Allerdings brauche ich Geld, um mir Brot zu kaufen. Um Geld zu haben, muss ich in der Regel arbeiten. Um arbeiten zu können, brauche ich Bildung. Um mich bilden zu können, brauche ich wiederum Geld und jemanden, der mir Bildung zugänglich macht. Auch um zur Arbeit zu kommen brauche ich Geld und jemanden, der mir eine Verkehrsinfrastruktur bereitstellt usw. Geld wird also in allen Situationen direkt oder indirekt zum Mittel und durch diese Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten wird es auch selbst zum Zweck. Denn Geld zu besitzen eröffnet immer unzählige Möglichkeiten, die alle wiederum erstrebenswert sein können. Somit wird der Besitz von Geld selbst erstrebenswert oder um zum Anfang zurückzukommen: Wir stehen in Distanz zum Geld, wollen sie aufgrund unseres Begehrens überwinden und schreiben dadurch dem Geld selbst einen Wert zu.
Geld wird zum Spiegelbild der modernen Gesellschaft. Auf der einen Seite fördert es die Arbeitsteilung und die damit auch eine neue Form der Bindung in der Gesellschaft* und andererseits die Atomisierung der Gesellschaft in eine Vielzahl von Teilen, welche nicht mehr so stark miteinander verbunden sind. Es ermöglicht zum einen höhere Individualisierung und größere Möglichkeiten des Einzelnen, sich von anderen unabhängig zu machen, sich davon loszukaufen, was für Simmel einer größeren persönlichen Freiheit gleichkommt. Gleichzeitig verlieren wir zunehmend etwa wir die enge Bindung zu unserem Handelspartner und sind wir aber immer mehr vom Funktionieren des Systems abhängig. Zwar ermöglicht uns die hochindustrielle Welt es, Autos zu fahren, die etwa den Abstand zum vor uns fahrenden Fahrzeug messen und entsprechende Notfallprogramme aktivieren können, doch wenn etwas streikt, hilft auch der berühmte Damenstrumpf nicht mehr. Den Werkstattarbeiter kennen wir meist nicht und das Geld für die Rechnung überweisen wir elektronisch, ohne Kontakt zu irgendwem. Weiterhin wurde unsere Gesellschaft scheinbar immer rationaler und zugleich in seiner Rationalität irrational, wie die leidvolle Erfahrung zweier Weltkriege und des unglaublichen Schreckens des Holocausts gezeigt hat. Geld ist ebenfalls Ausdruck der Rationalität in Form von Effizienz wirtschaftlicher Abläufe und der damit verbundenen Produktivitätssteigerung. Diese ist für Simmel wichtig für die Weiterentwicklung der Wirtschaft aber ebenso für die Gesellschaft, welche sich durch eine wachsende Ökonomie selbst funktional anpassen und erweitern kann. So ist für ihn der Fortschritt der (Geld-)Wirtschaft nur der sich immer weiter steigender Prozess immer besserer Ausbeutung und Verarbeitung der Ressourcen. Globale Rohstoffknappheit und die Risiken, welche sich aus den Nebenfolgen einer ausgebeuteten Natur ergeben, waren für ihn nicht vorstellbar und noch heute findet man ja bei Vielen eine ungetrübte Fortschrittseuphorie.
Nimmt man dies alles zusammen, findet man die vorher gesuchten Erklärungen. Weil uns unser tägliches Brot alltäglich, selbstverständlich geworden ist, weil wir die Distanz zu seinem Erwerb vermindert habe, obwohl seine Produktion weiter von uns weggerückt ist, messen wir dem Brot einen geringeren Wert zu. Das ist zugleich Fluch und Segen. Der Fluch liegt in der geringeren Wertschätzung und der erhöhten Akzeptanz für geringere Qualität zusammen mit der Unmündigkeit in Bezug auf die Ethik der Herstellung. Der Segen liegt darin, dass es uns zumindest in der (post-)industriellen Gesellschaft gelungen ist, dem Hunger zu entfliehen**. Das Mobiltelefon hingegen ist uns so wertvoll geworden, weil es unserer individuellen Freiheit im wahrsten Sinne des Wortes Gehör verschafft. Hier wird der Besitz von Geld zur Möglichkeit, einen eigenen Lebensstil zu gestalten und sich Zugang zu vielen verschiedenen Gruppen in der Gesellschaft zu verschaffen. Es zeigt sich jedoch ebenfalls, wie das Geld, trotz seiner Eigenschaftslosigkeit und der Fähigkeit, Tauschäquivalenz herzustellen, bereits bestehende soziale Ungleichheit noch verschärft. Denn was es auch Simmel sagt ist, dass so die Konzentration von Geld auch eine Konzentration von Macht durch die Erhöhung der Handlungspotenziale bewirkt. Wer weniger hat, hat auch weniger Möglichkeiten, sich Freiheit zu erzeugen. Andersherum ist die Ungleichheit aber auch Voraussetzung für das Funktionieren des Systems, da ohne das erhöhte Handlungspotenzial auch keine Entwicklung stiftenden Investitionen möglich sind.Das Gute bedingt das Schlechte und das Schlechte das Gute. Das Yin braucht das Yang – eines der zentralen Prinzipien des Lebens.
Die Verstrickung des Geldes mit allen Spähren der Welt, seine Zweckwerdung, ist schließlich auch der Antrieb für unseren fatalen Umgang mit dem Finanzsystem selbst. Wenn wir nämlich Geld zum obersten Zweck machen, der nicht mehr das Glückseligkeitsstreben oder ein Streben nach Vollkommenheit (wenn man will in Gott) neben sich zulässt, dann bestimmt Geld auch unser vernünftiges Denken, unsere Rationalität. Dann ist Gier rational und kann auch mit, in diesem Sinne, rational geschriebenen Computerprogrammen betrieben werden. Die einzige Frage, die schließlich offenbleibt, ist jene nach dem, wie es weitergehen soll.

Anmerkungen:
*Vgl. auch Durkheim
**Dass nun Andere für uns hungern müssen, liegt allerdings wiederum an der oben beschriebenen Unmündigkeit in Bezug auf die Ethik des Herstellungsprozesses.

Literatur:
-Simmel, Georg: Philosphie des Geldes, Suhrkamp, Frankfurt a. M.: 1989 (zuerst 1900).
-Rammstett, Otthein (Hg.): Georg Simmels Philosphie des Geldes. Aufsätze und Materialien, Suhrkamp, Frankfurt: Frankfurt a.M.: 2003.
-Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Suhrkamp: Frankfurt a. M.: 1986.
-Durkheim, Emile: Über die Teilung der sozialen Arbeit. Dt. von Ludwig Schmidts. Suhrkamp, Frankfurt a.M.: 1977.

 

 

 

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